Die mittelhochdeutsche Sprache |
Die mittelhochdeutsche Sprache Übersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen (Mhd.) bieten oft sehr viel größere Schwierigkeiten als die aus fremden Sprachen, und zwar gerade wegen der Tatsache, daß der im Mhd. Ungeübte schon bei einfacher Lektüre glaubt, diese Sprachform ungefähr zu verstehen. Aber dieses „Ungefähr" führt meistens zu Mißverständnissen und Fehlübersetzungen. Das liegt vor allem daran, daß viele Wörter im Verlauf der Sprachgeschichte ihren Bedeutungsumfang im Neuhochdeutschen wesentlich verändert haben. ![]() /́x x/́x x/́x x/́x (x)/ /́x x/́x x/́x x/́x (x)/ /gŕôziu/ĺiebe/́und ouch/ḿiet,/ /sẃan er/v́on dem/ĺande/sch́iet./ ![]() x/́x x/́x x/́x x/́x (x)/ si/bŕach ir/ŕîsen/́ab in/źorn/. Innerhalb des Verses kann aus der Zweisilbigkeit eines Taktes entweder eine Einsilbigkeit (statt /́x x/ dann /́-/ oder eine Dreisilbigkeit (statt /́x x/ dann /́x uu/) werden. Weitere Veränderungen sind im Schlußtakt, in der „Kadenz", möglich, wobei dieser u. a. so weit gekürzt werden kann, daß nur noch eine Nebenhebung übrigbleibt, die sogenannte „klingende Kadenz", die es im Nhd. nicht mehr gibt, zum Beispiel:x/́x x/́x x/́-/̀x/ ir/h́ânt mîns/h́oves/́́êr-/̀e/ Daneben gibt es, besonders bei den späteren Autoren, auch unregelmäßige, zum Beispiel dreitaktige (dreihebige) oder fünftaktige (fünfhebige) Verse. Die Aussprache Gerade das - möglichst laute oder halblaute - Lesen der Originaltexte vermittelt erst den vollen Eindruck der mittelalterlichen Erzählungen. Dazu braucht man allerdings die Kenntnis einiger Ausspracheregeln, die im folgenden so kurz wie möglich dargestellt werden sollen. Vor allem müssen kurze und lange Vokale deutlich voneinander getrennt werden. Kurz zu sprechen sind a, e, i, o, u und die Umlaute a, ö, ü. Mhd. sagen hat also nicht das lange a von nhd. „sagen", sondern das kurze wie in nhd. „machen". Lange Vokale sind: 1. Die mit einem Zirkumflex gekennzeichneten Vokale â, ê, î, ô, û, zum Beispiel mhd. (ich) dâhte: (ich) „dachte", mhd. lêrche: „Lerche". 2. Die Umlaute der langen â, ô, û, die ae, oe, iu geschrieben werden, zum Beispiel mhd. maere: „Geschichte" (zu „Märchen"). 3. Alle Doppellaute (Diphthonge), von denen es im Mhd. zwei Gruppen gibt: a) ei, ou, öu/eu entsprechen ungefähr den nhd. ei/ai, au, äu/eu, jedoch muß der erste Bestandteil stärker hervorgehoben werden, also zum Beispiel e mit nachklingendem i in mhd. ein (sprich e-in): „ein", b) ie, uo, üe haben keine nhd. Entsprechung und sind mit dem Ton auf dem ersten Bestandteil zu sprechen. Der zweite Vokal darf jedoch keineswegs ausgelassen und bei ie nie als Dehnungszeichen aufgefaßt werden, also mhd. bieten (sprich bi-eten): „bieten". Bei den Konsonanten gibt es für das Mhd. seit dem 13. Jahrhundert weniger Schwierigkeiten. Aufmerksamkeit erfordern vor allem die Buchstaben z, h und w. So hat z einen doppelten Lautwert. Überall da, wo das Nhd. ein stimmloses s (s, ß, ss) hat, entspricht z diesem Laut, zum Beispiel mhd. daz: „das". Wo unser Deutsch ein z (= ts) besitzt, hat z ebenfalls diesen Lautwert, zum Beispiel mhd. zuo: „zu". Das mhd. h ist nie wie in „Stahl" Dehnungszeichen. Im Silbenanlaut muß es gesprochen werden, mhd. sehen ist also se-hen und nicht etwa se-en zu sprechen. Vor t und im Auslaut nach einem Vokal entspricht h unserem ch, also mhd. naht wie nhd. „Nacht". w hatte ehemals halbvokalischen Charakter (wie noch heute im Englischen) und ist aus der Schreibung uu hervorgegangen. Im 14. Jahrhundert ist w bereits unser stimmhafter labiodentaler Laut geworden, im Schriftbild wirkt aber insofern der alte Wert nach, daß statt uw mehrfach nur w geschrieben wird. Mhd. frowe entspricht also frouwe: „Frau", und iwer einem iuwer: „euer". |
Jrgen Hofbauer |