Diese Frage wurde im Schinder-Forum gestellt (einen Teil der Schinder habt ihr letztes Jahr in Hexenagger kennengelernt) - folgendes habe ich geantwortet:
Unsereins macht im 14ten Jahrhundert Urlaub. Da mein Freund Mitglied bei den
Wolfsklingen ist (die haben wir letztes Jahr in Hexenagger besucht) sind wir
auf fast allen Märkten aktiv dabei.
Was das im Detail heißt? Bevor der Markt/das Fest für die Öffentlichkeit
zugänglich gemacht wird, müssen die Zelte und das Sonnensegel aufgestellt
werden und unser Hab und Gut - sofern nicht "A" ( = authentisch) - gut
versteckt werden. Die Waffen und sonstiges Mittelalter-Zubehör wird
entsprechend aufgestellt und, wenn die Besucher kommen, fühlt man sich ein
wenig wie Zoo-Tiere. "Gelebte Geschichte" ist die Devise - so lange der
Markt läuft sieht man keine Brillen, Armbanduhren, Mobiltelefone, Plastik
oder Ähnliches (so gut es eben geht).. die meisten Zelte sind ebenso
Schaustücke wie unsere Gebrauchsgegenstände und wir selbst. Statt Gasgrill
gibt es eine Feuerstelle (weil nicht überall kann man ein richtiges
Lagerfeuer machen) - statt Taschenlampen gibt es Kerzen & Laternen - statt
Käppi gibt es die Bundhaube und Kopftuch - statt Flaschenbier gibt es Wasser
und Saft aus Tonkrügen (okay, in einem Krug ist meist Spezi.. aber der ist
immer ruckzuck leer). Man redet historisch-anmutendes "Marktsprech" - "Gott
zum Gruße", "Silberlinge", "Handgeklapper" oder auch mal ein "Ihr feilschet
wie ein Muselmane!" kommt einem schnell nicht so fremd vor wie den "Touris".
Man ist Schauspieler, Ausstellungsstück, Zootier und Lehrer in einem - und
wenn man die glänzenden Augen begeisterter Besucher (junge und alte) sieht,
weiß man, dass man seine Sache gut gemacht hat. Und so manch ein "Touri" hat
schon seinen großen Neid ausgesprochen, denn selten wird einem die sonst so
trockenen historischen Fakten so lebhaft und begeisternd vorgetragen. Ein
wenig "Back to the Roots" und Lagerfeuer-Feeling ohne auf alltäglichen Luxus
wie zum Beispiel warmes Wasser zum Duschen, Nutella und Sonnencreme
(außerhalb der Marktzeiten oder zumindest nicht im Blickfeld der Besucher)
verzichten zu müssen - was will man mehr? Jeder "Reenactor" ist gleich,
selbst wenn er einen Ritter oder Edelmann darstellt - alle haben ein Ziel:
Die Vergangenheit möglichst originalgetreu wiederzugeben und dabei Spaß zu
haben. Wir sind eine große Familie und wenn alles so klappt wie es soll,
dann kann weder Wind, Hagel, Schnee, Sturm, Regen oder brütende Hitze uns
aufhalten, diese Ziel zu verfolgen!
Mein Freund und ich haben letztes Wochenende unser neuerworbenes
"Gebraucht-Ritter-Zelt" ausgetestet - Freitag bis Montag. Das Banner der
Wolfklingen zu Passau hatte in Ergolding einen tollen ruhigen Platz direkt
an einem Weiher in dem wir uns des öfteren abgekühlt haben. Ich habe ja mit
diesem Hobby im Hinterkopf beim Kauf eines Ersatzes für meinen alten Kombi
auf das Fassungsvolumen geachtet.. deshalb ist mir auch der Voyager so ans
Herz gewachsen. Das der Ami-Schlitten serienmäßig Klimaanlage hat ist
natürlich auch ein schönes Plus angesichts des bombastischen Wetters. Es gab
auf diesem Markt zwar kein Ritterturnier, dafür konnte jeder der Zeit und
Lust hatte an einem Bogenschießturnier teilnehmen.. und Abends wurde mit
Brandpfeilen geschossen - mittelalterliches Feuerwerk. Noch spät in der
Nacht saßen wir mit Freunden zusammen und sangen Lieder - wir werden zwar
nie einen Plattenvertrag kriegen, dafür merkte jeder, dass wir voller
Lebensfreude und Lebenslust singen.
Es ist anstrengend - für diejenigen im Verein, welche die verschiedensten
Shows bestreiten, ist es noch anstrengender - und auch Auf- und Abbau sind
sehr kräftezehrend - aber es ist auch trotzdem Erholung vom Alltag, denn man
lässt den Stress in der Arbeit oder der Schule einfach im 21sten Jahrhundert
zurück. Wenn "ist das Zelt auch wirklich dicht?" oder "wann ist der nächsten
Programmpunkt?" oder "wer holt frisches Wasser?" die wichtigsten Fragen
sind, mit denen man konfrontiert werden - vergisst man schnell, die lästigen
Probleme des "normalen" Alltags. Man hat keine Zeit für den modernen
Firlefanz. Selbst ich - wo ich doch eigentlich bekennender Internet-Junkie
bin - habe noch nie meinen Computer vermisst. Die Mails können warten bis
ich wieder von meinem Urlaub zurück bin!
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